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Gian Pescatore 2007
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Renaturierung artenreicher Wiesen: Tipps für
die Praxis
Wie können aus bestehendem Ackerland oder aus
bisher intensiv genutztem, artenarmen Wiesland wieder artenreiche Heuwiesen
entstehen?
Seit über 10 Jahren engagieren wir uns für diese
Fragen. Mittlerweile können wir auf 10-jährige Versuchsreihen
auf rund 40 on-farm-Versuchsflächen von insgesamt über 30 ha
im Schweizerischen Mittelland zurückgreifen.
Auf 500 Teilflächen haben wir Spontanbegrünungen
untersucht, verschiedene Saatgutzusammensetzungen, Saatbettvorbereitungen
und Heumulchsaaten entwickelt und getestet.
Die Resultate haben einige überraschende Zusammenhänge
zutage gefördert, die für die Praxis von Neuansaaten artenreicher
Wiesen hilfreich sein können:
- Eine extensive Bewirtschaftung allein reicht oft nicht
aus für das Entstehen einer artenreichen Wiese. Denn die Samen
fast aller Wiesenarten überleben nur ein bis drei Jahre im Boden.
Eine Einwanderung ist nur dann möglich, wenn die Distanzen zum
nächsten Vorkommen klein und Wanderkorridore vorhanden sind. Die
Wandergeschwindigkeit ist dabei erstaunlich langsam - auch unter günstigen
Voraussetzung bei den meisten Wiesenpflanzen kaum einen Meter pro Jahr,
oft auch deutlich weniger, weil eine geschlossene Grasnarbe die Keimung
von Samen weitgehend verhindert. Damit arten- und blumenreiches Wiesland
entstehen kann, müssen deshalb in den meisten Fällen im Mittelland
die gewünschten Arten gezielt eingebracht werden - aber wie?.
- Entgegen der intuitiven Erwartung braucht es auf wüchsigen
Standorten vorwiegend konkurrenzstarke, auf wenig wüchsigen, also
beispielsweise durchlässigen, kiesigen oder auch vernässenden
Böden, vorwiegend wenig konkurrenzstarke Grasarten in der Mischung,
wenn sich mittel- und langfristig ein artenreicher Bestand entwickeln
soll.
- Artenreiche Mischungen führten oft nur in den ersten
zwei Jahren zu artenreicheren Beständen, fielen bei Vergleichsversuchen
aber danach rasch hinter artenärmere, dafür stabilere Ansaaten
zurück. Die naheliegende Methode, diejenigen Arten in die Mischung
zu geben, die man - beispielsweise aus pflanzensoziologischen Gründen
- gerne im Bestand haben möchte, und von denjenigen, von denen
man mehr haben möchte, etwas mehr, funktioniert nicht. Unter eine
mehrjährigen Perspektive im Sinne einer Dauerwiese haben Stabilitätsüberlegungen
Vorrang vor pflanzensoziologischen.
- Eine zentrale Rolle für die Stabilität der
angesäten Wiese spielen die Gräser und die räumliche
Struktur, die sie aufbauen. Wenn sie fehlen oder ungünstig zusammengesetzt
sind, können sich zwar in den ersten Jahren die angesäten
Wiesenblumen stark ausbreiten, ihr Bestand bricht aber nach kurzer Zeit
zusammen. Es entsteht ein lückiger, unhomogener Wasen (Vegetationsdecke),
der von Unkräutern und Lückenbüssern wie Gemeinem Rispengras
(Poa trivialis) oder Löwenzahn (Taraxacum officinale)
dominiert wird, und der Wiesenblumenanteil sinkt unter denjenigen einer
Ansaat mit geeigneten Gräsern.
- Auch die stickstofffixierenden Schmetterlingsblütler
(Leguminosen) erfüllen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung
der angesäten Wiesen. Ihre Rolle ist aber je nach Standort und
Deckungsanteil sehr unterschiedlich: Auf wenig wüchsigen Standorten
fördern sie die Entstehung eines artenreichen Bestandes, auf wüchsigen
Böden ist die Gefahr des Überhandnehmens gross. Dies ist bei
der Mischungszusammenstellung zu berücksichtigen.
- Für eine gelungene Ansaat genügen erstaunlich
geringe Saatmengen: von der Wiesenblumenkomponente beispielsweise insgesamt
8 Gramm pro 100 m2, was für einzelne Wiesenblumenarten weniger
als ein Zehntel Gramm pro 100 m2 ergibt. Für die Graskomponente
sind rund 150 Gramm pro 100 m2 bereits eine obere Grenze, um die Entwicklung
der Wiesenblumen nicht zu beeinträchtigen.
- Diese Saatmengen-Empfehlungen liegen teilweise weit
unter den Empfehlungen für vergleichbare Mischungen. Wie Saatmengenversuche
in der Studie gezeigt haben, führen die geringen Saatgutmengen
nicht zu einem grösseren Verunkrautungsrisiko, verbessern aber
die Chance, dass sich die Wiesenblumen dauerhaft etablieren können.
Dazu kommt, dass geringe Saatmengen auch zu entsprechend tieferen Anlagekosten
führen.
Fazit: Damit die Blumen wieder in die Wiesen kommen,
braucht es nicht nur Wiesenblumensaatgut, sondern eine ausgewogene, auf
den Standort abgestimmte Kombination von Wiesenblumen-, Gräser- und
Leguminosensamen. Die Kunst der "Mischungs-Komposition" besteht
darin, die Gräser, Leguminosen und Kräuter im Hinblick auf ein
funktionsfähiges Ganzes so zusammenzustellen, dass sie miteinander
und mit den Standortsfaktoren optimal zusammenspielen. Dabei ist die räumliche
Vegetationsstruktur, welche durch die angesäten Arten entsteht, wichtiger
als die "pflanzensoziologische Stimmigkeit" oder die Artenvielfalt
der Mischung. Dies erklärt auch, warum die Artenzahl der entstehenden
Wiese meist keinen direkten Zusammenhang hat mit der Artenzahl der Mischung.
Die Versuche zeigten aber auch, wie wichtig es für eine gute Bestandesentwicklung
ist, einheimische, ja möglichst aus der Region stammende Pflanzen-Ökotypen
in den Mischungen zu verwenden. Dies ist in der Schweiz dank den pionierhaften
Anstrengungen des Handels heute möglich.
Welche Resultate sind von Ansaaten zu erwarten?
Unter Beachtung der hier genannten Grundsätze können
auf fast allen, auch nährstoffreichen Standorten innert Jahresfrist
und zu landwirtschaftlich tragbaren Kosten ökologisch und ästhetisch
wertvolle Fromentalwiesen, unter bestimmten Voraussetzungen auch Trespen-Halbtrockenrasen
renaturiert werden. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass gelungene
Ansaaten nicht nur botanisch und ästhetisch, sondern auch faunistisch
zu einer wesentlichen Bereicherung der Landschaft führen. Allein
die 20 Hektaren Versuchsflächen des Forschungsprojektes haben insgesamt
20 Tagfalterarten und 18 Heuschreckenarten besiedelt, wobei die Hälfte
der Heuschreckenarten in der Roten Liste als gefährdet aufgeführt
wird (Bosshard & Kuster 2001). Viele Arten finden die Flächen
bereits innerhalb eines Jahres. Generell gilt aber: Je älter die
neu angelegte Wiese ist, desto mehr Tierarten können sie besiedeln.
Ansaaten oder Heugrassaaten sind in vielen Fällen
unumgänglich, um den Zielen des ökologischen Ausgleiches in
der Kulturlandschaft nicht nur quantitativ, sondern auch im Hinblick auf
eine hohe ökologische Qualität zum Durchbruch zu verhelfen.
Wenn Sie sich für mehr Details interessieren,
stellen wir Ihnen hier einen Methodenschlüssel
zur Verfügung. Für noch weitergehende Informationen empfehlen
wir Ihnen folgende Broschüren oder Artikel:
- Koch B. & C. Schiess-Bühler: Der Weg zu artenreichen
Wiesen. UFA-Revue 7-8/01 / Landwirtschaftliche Beratungszentrale Lindau
(CH).
- Lehmann J., W. Dietl & A. Bosshard 2000: Anlage
von blumenreichen Heuwiesen. AGFF-Merkblatt 13, 3. Auflage. Zürich-Reckenholz.
- Bosshard A. 2000: Blumenreiche Heuwiesen aus Ackerland
und Intensiv-Wiesen. Eine Anleitung zur Renaturierung in der landwirtschaftlichen
Praxis. Naturschutz und Landschaftsplanung 32/6, 161-171.
- Bosshard A. 1999: Renaturierung artenreicher Wiesen
auf nährstoffreichen Böden. Ein Beitrag zur Optimierung der
ökologischen Aufwertung der Kulturlandschaft und zum Verständnis
mesischer Wiesen-Ökosysteme. Dissertationes Botanicae Band 303
Stuttgart. 201 S. Online-version hier.
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