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Schlüssel zur Bestimmung der optimalen Flächenwahl und zum standörtlich angepassten Anlageverfahren (Ansaatmischungen, Saatstärken, Saatverfahren) bei der Wiederherstellung artenreicher Wiesen Zum Einstieg
Der nachfolgende Schlüssel richtet sich an Berater, Planer und engagierte Landwirte. Er soll dazu dienen, diejenigen Massnahmen zu eruieren, die in der gegebenen Situation - d.h. bezüglich Boden/Standort, bestehende Vegetation und landschaftliches Umfeld - zu einem optimalen Ergebnis bei der Wiederherstellung von blumenreichen Heuwiesen führen. Es werden dabei generell nur landwirtschaftlich praktikable Methoden empfohlen. Der Schlüssel ist einfach anwendbar und erfordert lediglich Grundkenntnisse zur Bestimmung der gegenwärtigen Vegetation und des Bodentyps. Es ist empfehlenswert, den Schlüssel im gemeinsamen Gespräch zwischen Berater und Landwirt oder zwischen mehreren Landwirten anzuwenden. Die Entscheidungsfindung erfolgt über vier klar definierte Schritte. Jeder Schritt wird anhand einer separaten Entscheidungstabelle durchgeführt. Der Schlüssel wurde für das Schweizerische Mittelland entwickelt.Sofern für andere Regionen Anpassungen nötig sind, ist dies jeweils vermerkt. Die Empfehlungen basieren auf umfangreichen, rund 10-jährigen Feldversuchen und einer Literaturauswertung. Details und Hintergrundinformationen siehe: Bosshard A. (1999): Bosshard A. 1999: Renaturierung artenreicher Wiesen auf nährstoffreichen Böden. Ein Beitrag zur Optimierung der ökologischen Aufwertung der Kulturlandschaft und zum Verständnis mesischer Wiesen-Ökosysteme. Dissertationes Botanicae Band 303 Stuttgart. 201 S. Für die Online-version hier klicken. Bosshard A. 2000: Blumenreiche Heuwiesen aus Ackerland und Intensiv-Wiesen. Eine Anleitung zur Renaturierung in der landwirtschaftlichen Praxis. Naturschutz und Landschaftsplanung 32/6, 161-171. Der Einstieg in den Schlüssel erfolgt über Schritt 1. Ihre Antworten auf die gestellten Fragen führen Sie von Schritt zu Schritt weiter, bis Sie auf die Lösung - die empfohlene Massnahmenkombination - stossen.
Schritt I: Optimale Lage aufgrund landschaftlicher Situation eruieren Das nachfolgende Vorgehen bei Schritt 1 dient dazu, die geeignetste(n) Parzelle(n) auf dem Landwirtschaftsbetrieb oder in einer bestimmten Landschaftskammer zu bestimmen. à Wo die Flächenwahl bereits definiert ist, kann Schritt 1 übergangen werden. Bei der Auswahl von aufzuwertenden Flächen gilt in der Regel folgende Prioritätenfolge:
In der Praxis geben natürlich oft auch andere Gründe den Ausschlag, welche Fläche für eine Renaturierung in Frage kommt, oder die Prioritäten müssen anders gesetzt werden. So kann der Grundwasserschutz in einer empfindlichen Zone Vorrang haben vor der Arrondierung bestehender wertvoller Lebensräume. Vorgehen: Folgende Teilschritte sind der Reihe nach zu vollziehen:
Schritt II: Ausgangsbestand beurteilen In Schritt 2 wird der bestehende Pflanzenbestand auf der für die Renaturierung ausgewählten Fläche im Feld beurteilt. Die Pflanzen, die vor Ausführung der Renaturierungsmassnahmen auf der Fläche wachsen, geben wichtige Hinweise
Vorgehen: Sie beginnen mit der Einstiegsfrage in der nachfolgenden Tabelle 2 und beantworten die hier gestellte Ja-Nein-Frage. Von da aus werden Sie Schritt um Schritt durch die Tabelle geführt. Je nach Ihren Antworten, die Sie auf die gestellten Fragen geben, werden Sie zu weiteren Fragen in dieser Tabelle (Fragen 1-9) oder zu einer der Zeilen in der folgenden Tabelle 3 (Zeilen A bis D) weiterverwiesen - oder Sie sind bereits bei einer Lösung angelangt, können sich also die Beantwortung weiterer Fragen bzw. die Durchführung weiterer Schritte ersparen. Tabelle 2:
*) X = keine Ansaat, sondern extensive Ackerbau-Nutzung im Sinne eines Feldflora-Reservates Y = Zwei Jahre gut deckende, nährstoffzehrende Zwischenkulturen ohne Düngung und ohne Leguminosen anbauen, z.B. Westerwoldisches Raigras, Chinakohlrübsen, Grünschnittroggen; danach möglichst geringe Bodenbearbeitung, anschliessend à weiter bei 5 Z = Heugrassaat (s. Text) mit doppelter Auflagemenge, bei nicht optimalem Ausgangsbestand zusammen mit halber Saatstärke der empfohlenen Mischung ansäen, oder Ansaat einer Deckfrucht gleichzeitig mit der empfohlenen Mischung, z.B. Grünschnittroggen, Gerste (jeweils max. ¯ der üblichen Saatstärke). Zur Bestimmung der geeigneten (empfohlenen) Mischung à weiter bei 6 **) x = Entweder ganzen Bestand umbrechen und weiter bei à 1, oder Bestand ohne Düngung und unter Vielschnittnutzung ausmagern lassen, bis Bestand lückig wird und Ertrag unter 80 kg/are/Jahr Trockensubstanz fällt, dann à z y = extensive Nutzung (i.a. auch ohne Mist-Düngung) ohne weitere Massnahmen z = In Abständen von 10-20 m (2-)3 m breite Streifen in den bestehenden Bestand fräsen (2 – 3 Mal in zweiwöchigem Abstand, bis vegetationsfreies Saatbett) und Ansaat gemäss Zeile D in Tab. 3 oder Heugrassaat (s. unter Z, 10 Zeilen weiter oben). Doppelte Saatmenge der Wiesenblumenkomponente empfohlen. ***) Gute FromentalGlatthaferwiesen (Arrhenatheretum) oder Trespen-Halbtrockenrasen (Mesobrometum), allenfalls auch Streuwiesen (Molinion). Mit "gut" sind insbesondere folgende Attribute gemeint: blumenreich, arm an Weissklee und Rotklee (Trifolium repens und pratense; zusammen weniger als 5% Grünmassenanteil), Wiesen-Labkraut (Galium album; <1% Grünmassenanteil), Honiggras und Raigras (Holcus lanatus und Lolium perenne/multiflorum; insgesamt weniger als 1% Grünmassenanteil). Zudem sollten die Feuchtigkeitsverhältnisse der Herkunftsfläche ungefähr mit denjenigen der Zielfläche übereinstimmen.
Schritt III: Standort beurteilen Die Standorteigenschaften entscheiden in den meisten Fällen sowohl über die Wahl der Mischungen wie über die geeigneten Ansaatverfahren. Vorgehen:
Tabelle 3: Entscheidungsschlüssel Schritt III zur Beurteilung des Standortes. Anmerkungen: Im Schnittpunkt zwischen gewähltem Zeilen- und Kolonnenkopf (Anleitung im Text) sind die empfohlenen Ansaattechniken und - nach dem Schrägstrich - die empfohlenen Mischungskomponenten aufgeführt. Die Zusammensetzung der Mischungskomponenten ist in Tabelle 4 beschrieben. Wo bei der hier empfohlenen Lösung nichts anderes vermerkt, werden die Grasgrundmischungen 2E und 4E immer zusammen mit der Leguminosenkomponente Leg ausgesät. Ohne Angabe werden die üblichen, in Tabelle 4 angegebenen Saatmengen empfohlen. Zeile D:Typische Situation im Schweizer Mittelland.
Legende: Zutreffendes ankreuzen (O): gelbe Kolonne (Zellen A - D) gemäss Schritt 2 /Tabelle 2, gelbe Zeile (Zellen 1 - 5) gemäss in der Zelle gegebenem Beschrieb. Anmerkungen: 1 Bei Fruchtfolgeflächen; bei bestehenden Wiesen: dreimaliges Fräsen anstelle von Pflügen, s. Text. 2 HGS = Heugrassaat, s. Text Abschnitt 2.I a). 3 1e entspricht der Gräserkomponente der bestehenden Schweizer Standardmischung SM 450 (geringe Unterschiede zu Gräserkomponente 2E).
Schritt IV: Mischung zusammenstellen Die empfohlenen Mischungskomponenten wurden in den Schritten 2 oder 3 mit den entsprechenden Abkürzungen bezeichnet. Hier finden Sie Richtwerte für die Zusammensetzung dieser Komponenten und Hinweise, wie die jeweilige Artenzusammensetzung aunf regionale Besonderheiten angepasst werden kann. Dabei ist folgendes zu beachten: a) Erläuterungen zur Zusammenstellung der Mischungen: Die meisten Mischungen werden aus drei Bausteinen oder Komponenten zusammengestellt: aus einer von zwei Grasgrundmischungen (bezeichnet mit 2E und 4E), einer (überall gleichen) Leguminosenkomponente sowie einer von drei Wiesenblumenkomponenten ( FI, FII und FIII). In Ausnahmefällen wird auch die Verwendung von nur einer oder zwei Komponenten empfohlen. Die Wiesenblumenkomponenten FI und FII sind eine leicht verbesserte Variante der in der Schweiz häufig verwendeten, relativ preisgünstigen Mischungen "Salvia" und "Humida". FI und FII sind für mittlere bis wüchsige Standorte – z.B. schwere, humusreiche, bis anhin intensiv genutzte Böden mit gutem Nährstoffnachlieferungsbedingungen – zusammengestellt. Bei der Wiesenblumenkomponente FIII, die extremeren Standorten vorbehalten ist, handelt es sich um eine neue, deutlich artenreichere und entsprechend teurere Mischung als FI und FII. Da einerseits der extremere Standortsbereich von trocken bis feucht ein weites Spektrum aufweist und pro Standort jeweils nur noch relativ spezialisierte Arten für eine Ansaat infrage kommen, und andererseits der Saatgutpreis hoch ist, wurde die Mischung FIII in drei standörtlich differenzierte FIII-Mischungen s, t und f mit den jeweils derzeit im Handel verfügbaren regionalheimischen Ökotypen aufgegliedert (s. Tab. 4 unten): s für Saumstandorte, t für trockene Ackerstandorte, und f für wechselnasse oder feuchte Ackerstandorte. Die FIII-Mischungen werden jeweils mit einem Drittel der Wiesenblumenkomponenten FI/FII verwendet und immer zusammen mit der "konkurrenzschwachen" Grasgrundmischung 4E ausgesät. b) Einschränkungen und regionale Anpassungen: Die hier zusammengestellten Mischungen sind auf das Schweizer Mittelland und tiefere Lagen der Nordostschweiz ausgerichtet und können im Handel (z.B. UFA-Samen) bezogen werden. Ein relativ einfaches, mit den hier genannten Prinzipien übereinstimmendes System ist in der Schweiz ab dem Jahre 2001 von der Forschungsanstalt FAL Zürich-Reckenholz für die Landwirtschaft unter den Bedingungen im sSchweizerischen Mittelland in Ausarbeitung (Neuauflage von Lehmann et al. 1998). Es muss regionalen Initiativen vorbehalten bleiben, für andere Regionen angepasste Mischungsvorschläge zu erarbeiten. Die Grundprinzipien können dabei direkt übernommen werden durch einen Austausch ähnlicher Arten. Bei den Gräsern und Leguminosen wird dies nur in geringem Umfang oder gar nicht nötig sein; die Artenwahl der Wiesenblumen ist hingegen ganz auf das lokale Arteninventar und die Verfügbarkeit von Saatgut regionaler Herkunft auszurichten, was aufgrund der geringen Wirkung der Wiesenblumen auf die Bestandesentwicklung aber im allgemeinen auch bei ganz anderer Artenzusammenstellung unproblematisch ist. Auf jeden Fall geht Echtheit (geeignete, regionale Herkunft und geeignete Ökotypen) vor Vielfalt der Arten in der Mischung! – Wo kein geeignetes Saatgut verfügbar ist und/oder artenreiche Extensivwiesen noch mehr als 5% des Grünlandes ausmachen, sollten generell lediglich Renaturierungen über Heugrassaat oder Spontanbegrünungen in Betracht gezogen werden.
Tabelle 4: Beschreibung der empfohlenen Ansaatmischungen (gemäss Antworten aus Schritten 2 bzw. 3). Legende: e Von diesen Arten sowie allen Arten der FIII wird im Schweizer Handel Saatgut regionalheimischer Ökotypen angeboten. e? Aufbau der Saatgutvermehrung regionalheimischer Ökotypen vordringlich.
Für FIII werden drei Varianten empfohlen: FIIIs: für magere, trockene Saumstandorte, d.h. in der Regel schmale Flächen entlang linienförmigen Landschaftselementen: 3 gr/a FI und 6 gr/a FIIIs mit folgender Zusammensetzung: Achillea millefolium, Agrimonia Eupatoria, Anthyllis vulneraria, Aquilegia atrata und vulgaris, Buphthalmum salicifolium, Campanula glomerata*, Campanula Rapunculus, Cichorium intybus, Crepis capillaris, Crepis taraxacifolia, Festuca ovina, Galium verum, Helianthemum nummularium, Hieracium pilosella, Hippocrepis comosa, Hypericum sp., Lathyrus pratensis, Leontodon autumnale, Malva moschata, Origanum vulgare, Picris hieracioides, Primula veris, Prunella vulgaris, Prunella grandiflora, Ranunculus bulbosus, Satureja acinos, Scabiosa columbaria, Senecio erucifolius/jacobaea, Silene nutans, Stachys officinalis, Stachys recta, Thymus pulegioides, Verbascum sp., Vicia cracca. FIIIt: für trockene Böden: 3 gr/a FI und 6 gr/a FIIIt mit folgender Zusammensetzung: Achillea millefolium, Ajuga reptans, Anthyllis vulneraria, Briza media, Campanula glomerata, Campanula Rapunculus, Dianthus carthusianorum, Festuca ovina, Galium verum*, Hieracium pilosella, Hippocrepis comosa, Lathyrus pratensis, Leontodon autumnale, Picris hieracioides, Primula veris, Prunella vulgaris, Ranunculus bulbosus, Scabiosa columbaria, Silene nutans, Stachys officinalis, Thymus pulegioides, Veronica teucrium,Vicia cracca. FIIIf: für feuchte oder wechselnasse Böden: 3 gr/a FII und 6 gr/a FIIIf mit folgender Zusammensetzung Achillea millefolium, Ajuga reptans, Aquilegia atrata oder vulgaris, Bellis perennis, Briza media, Cardamine pratensis, Galium verum, Lathyrus pratensis, Primula elatior und veris, Prunella vulgaris, Ranunculus bulbosus, Stachys officinalis (und weitere entsprechende Arten je nach Verfügbarkeit im Handel). Saatmengen: Pro Art 1-2 Samen pro m2, bei unterstrichenen Arten 5-10 Samen pro m2. |
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